Was hab ich mir nur dabei gedacht?

Um 6:30 Uhr klingelte unser Wecker und wir packten unsere gesamte lange Kleidung, Jacken, energiehaltige Nahrung, Klopapier und unseren Fotoapparat in einen Rucksack. Wir hatten genau so viele Sachen dabei, dass alles in einen Rucksack passt. Ich will nicht, dass Beatrice ebenfalls einen Rucksack mitnimmt, so dass sie sich voll auf das Wandern konzentrieren kann. Irgendwie werde ich das schon hinbekommen, denke ich mir, so schlimm kann es ja nicht werden. Um 7.00 Uhr machten wir uns auf zum Frühstücksraum. Dort saßen bereits ein paar Leute, wie sich herausstellte waren sie ebenfalls aus Deutschland. Es sind auch noch einige andere Touristen beim Frühstück, die bereits gestern Abend wieder zurückgekommen sind und die letzte Nacht ebenfalls im Hotel verbracht hatten. Mir fiel auf, dass sie sehr erschöpft wirkten und ich suchte mit ihnen das Gespräch. Wie war es? War es sehr anstrengend? Wie viele Tage habt ihr gebucht? War es das alles wert? Glaubt ihr, wir packen das überhaupt? Super ist es gewesen! Und auch super anstrengend! Drei Tage hatten sie gebucht, aber der Ausblick, der Sternenhimmel und die heißen Geysire seien die Strapazen wert! Und da wir Deutsche sind, schaffen wir das ganz sicher!

Ich weiss, zwar nicht genau wie er aufgrund unserer Nationalität beurteilen konnte, ob wir Rinjani-tauglich sind, aber wahrscheinlich dachte er, in Deutschland gibt es Berge, also wandern wir bestimmt jeden Tag. Doch dem ist nicht so. Denn Berge wurden von mir bisher immer nur mit einer Seilbahn oder Gondel erklommen. Aber die Vorfreude auf das bevorstehende Abenteuer nahm mir die Angst und nachdem jeder meinte:“Das packt ihr schon!“ machten wir uns auf zur anderen Straßenseite, wo bereits einige Träger, unser Guide sowie weitere Rinjani-Touristen warteten. Irgendwie wusste aber keiner von ihnen genau, wann es denn endlich losgeht oder wie die ganze Tour überhaupt ablaufen würde. Unsere Gruppe bestand aus acht Deutschen, einem US-Amerikaner sowie zwei Schweden. Dazu kam der Guide sowie sechs bis acht Träger. Die genaue Anzahl weiss ich bis heute nicht, aber ich will schonmal vorweg nehmen, dass diese Träger meinen größten Respekt verdienen. Was diese Jungs leisten ist unvorstellbar.

Die Träger schleppten alles nach oben

Die Träger schleppten alles nach oben

Irgendwann gegen 9.00 Uhr wurden wir, nachdem die Träger alle verschwunden waren, zusammen mit unserem Guide auf die Ladefläche eines Pick-Ups verladen und wir machten uns auf den Weg. Jedes Mal, wenn der Pick-Up wieder nach unten fuhr, hofften wir, dass er wieder noch oben fahren wird, denn wir kamen dem Vulkan immer näher und die Spitze erschien nach jeder Kurve immer höher zu werden. Unser erster Stop war die Talstation, in der wir unsere Namen, Berufe, Ausweisnummern sowie den Namen von unserem Guide eintragen mussten. Ich glaube, damit sie im Fall eines Absturzes unsere menschlichen Überreste zurück in unsere Heimat schicken können. Nachdem wir uns alle eingetragen hatten, sind wir wieder auf die Ladefläche des Pick-Up gesprungen und wieder ein Stück bergab Richtung Fuss des Berges gefahren. Dann ging die Wanderung endlich los.

Auf der Ladefläche des Pick-Ups

Auf der Ladefläche des Pick-Ups

Dort oben soll es hingehen

Dort oben soll es hingehen

Anfangs war es tatsächlich noch eine Wanderung, vergleichbar mit dem Wandertag, wie wir ihn noch alle aus der Schule kennen. Alle 15 Minuten blieben wir an einem schattigen Plätzchen stehen und haben uns erholt. Nachdem wir ein kleines Waldstück passiert haben stand ich bereits vor der ersten Herausforderung, denn ein steiler, staubiger und unbefestigter Weg erschien direkt vor meinen Augen. Schlimmer kann es ja nicht mehr werden, dachte ich mir und quälte mich bereits diese Steigung nach oben. Wie eine Dampflok habe ich nach Luft gerungen, als ich diesen kleinen Hügel bezwungen hatte. Das war das erste Mal, als ich zu meiner Lebenspartnerin gesagt habe: “Ich packe das nicht, dass wird garantiert noch schlimmer und ich kann jetzt schon nicht mehr, lass uns umdrehen.“ Doch als wir dann die ersten Träger wieder gesehen haben, die mit Flip-Flops, Zigarette im Mund und wie ein Packesel bepackt an uns vorbeimarschiert sind, hat mich der Ehrgeiz gepackt, und ich wollte unbedingt diesen Vulkan erklimmen. Die nächste Stunde ging es dann zum Glück nicht mehr so steil nach oben, und wir kamen an der ersten Basisstation an. Dort warteten bereits die anderen neun Leute aus unserer Gruppe, die mit Dutzenden anderen Touristen die schöne Aussicht genossen. Die Träger bereiteten für uns eine üppige Mahlzeit zu. Nudelsuppe mit Reis, Ei und Krabbenchips sowie Ananas zum Nachtisch. Alle Lebensmittel, literweise Wasser, Gasflaschen, Zelte, Isomatten, Schlafsäcke und was weiss ich noch alles schleppten die Träger in riesigen Körben an einer Bambusstange befestigt auf der Schulter zur Basisstation und später bis hoch an den Gipfel. Ich kann wirklich nur meinen Hut ziehen vor der körperlichen Leistung dieser Menschen, die für eine Bergtour lediglich 250.000 Rupien erhalten. 16 EUR für drei Tage heftigste körperliche Anstrengungen und das zwei Mal die Woche.

Basisstation 1

Basisstation 1

Von der Basisstation konnte man bereits sehen, wo wir heute Nacht schlafen würden, aber der Punkt war so weit entfernt, dass ich niemals gedacht hätte, diese Strecke an einem Tag zurückzulegen. Noch 1500 Höhenmeter trennten uns von diesem Punkt und mit bloßem Auge war der Punkt nicht zu erkennen. Ich quälte mich also Stunde für Stunde weiter nach oben, während mich die ganze Zeit Träger und andere Touristen überholten. Zwischendurch bin ich, obwohl ich an beiden Füßen Sprunggelenkstützen getragen habe, umgeknickt. Warum ich in diesem Moment nicht zurückgehumpelt bin, kann ich nicht beantworten. Der Weg wurde immer staubiger und steiler, und langsam aber sicher bewegte sich die Sonne Richtung Horizont. Es wurde windig und da meine Kleidung bereits vollkommen verschwitzt war, wurde es richtig kalt. Da ich meinen Rucksack kaum mehr tragen konnte, und ich diesen zwischenzeitlich an meine Lebenspartnerin abgeben musste, weil ich einfach nicht mehr konnte, haben wir bereits dort unsere lange Kleidung angezogen, und es wurde wieder einigermaßen erträglich. Ich konnte keinen richtigen Schritt mehr machen, sondern bin eher im Entenmarsch den trockenen und unbefestigten Weg nach oben gewatschelt. Teilweise auf alle vieren habe ich mich Meter für Meter den Berg hochgequält. Ich wollte da, warum auch immer, unbedingt hoch. Jeder Stein und Ast wurde genutzt, um mich hinzusetzen und auszuruhen. Ein Keks nach dem anderen und Dutzende von Bonbons habe ich gegessen. Durch die vielen Bonbons hatte ich zumindest immer einen feuchten Mund, was zumindest die Staubproblematik etwas erträglicher machte. Die Sonne war bereits hinter dem Berg verschwunden, und es wurde langsam dunkel und immer windiger. Jedes Mal, wenn ich einen Träger oder Guide gefragt habe, wie lange es noch dauert, bekam ich als Antwort: “Zwei Stunden“. Ich habe schon gefragt, ob sie mir nicht wieder ein Zelt hier nach unten bringen könnten, weil ich total erschöpft bin und nicht mehr weiter kann. Doch von meiner Freundin angetrieben und anscheinend schon teilweise im Delirium habe ich es dann irgendwie zur Basisstation geschafft, an der bereits alle Zelte aufgebaut waren, und es nach Essen roch. Natürlich standen die Zelte von unserer Gruppe noch einen Hügel weiter, und das war dann der Moment an dem ich mich übergeben musste. Völlig ausgelaugt und mit einem üblen Geschmack im Mund bin ich dann endlich ins Zelt gefallen.

Wir waren höher als die Wolken

Wir waren höher als die Wolken

Der Sonnenuntergang war spektakulär

Der Sonnenuntergang war spektakulär

Abermals gab es reichlich zu essen, doch ausser ein paar Tassen heißem Tee, konnte ich nichts zu mir nehmen. Ich war so geschafft, dass ich nicht einmal in der Lage war, Fotos zu schießen. Ausserdem war es so kalt, dass ich auch nicht den wirklich wunderschönen und von Sternen übersäten Himmel genießen konnte. Das hat sich dann allerdings nach ein paar Stunden geändert, denn durch den heftigen Wind wurde die Außenhülle von unserem Zelt einfach weggeweht. Wie lagen da also unter unserem Moskitonetz ähnlichen Innenzelt bei etwa 5°C in mehreren Lagen Klamotten sowie zwei Schlafsäcken aneinandergekuschelt unter freiem Himmel und konnten nicht schlafen. Ich hatte teilweise das Gefühl, als würde uns der Wind mitsamt unserem Zelt packen und davon wehen. Als wir vor lauter Erschöpfung dann doch irgendwie ein wenig Schlaf gefunden hatten, wurden wir um 3.00 Uhr morgens geweckt, um die letzten 800 Höhenmeter zum Gipfel zu gehen, um den Sonnenaufgang von dort aus bewundern zu können. Ich lehnte dankend ab. Ich konnte von meinem Zelt aus noch die Lichterkette von Menschen sehen, die sich mit ihren Taschenlampen auf zum Gipfel des Rinjani machten, bevor meine Augen wieder zugefallen sind. Irgendwann stand dann ein Träger mit heissem Tee und Pfannkuchen vor unserm Zelt, welches in der Zwischenzeit wieder notdürftig repariert wurde. Draussen standen bereits auch wieder die anderen Teilnehmer der Tour und stopften sich mit Energie voll. Nach mehreren Kommunikationsschwierigkeiten und Personen mit denen wir dann gesprochen hatten, haben wir erfahren, dass der heutige Tag ungefähr doppelt so hart werden wird wie der gestrige. Das war dann der Moment an dem ich gesagt habe, ich breche ab und gehe wieder zurück.

Der Krater des Rinjani

Der Krater des Rinjani

Der Weg war mehr als staubig

Der Weg war mehr als staubig


Der Staub war überall

Der Staub war überall und ich quäle mich den Rinjani runter

Der Abstieg war mindestens genauso heftig wie der Aufstieg am Tag zuvor, doch durch den ganzen Staub, der sich überall am Körper festgesetzt hat, und sich in jeder Ritze meines Körpers und in meinen Schuhen ausgebreitet hat, hat sich etwa alle hundert Meter eine neue Blase auf meinen Füßen gebildet. Jedes Mal, wenn ich mich umgedreht habe, konnte ich es nicht fassen, dass ich da oben gewesen bin. Ich habe bis zu diesem Zeitpunkt nicht gewusst, wozu mein Körper in der Lage ist, doch trotzdem konnte ich nicht mit den andern mithalten. Ich glaube, dass unser Träger, der uns zu keinem Zeitpunkt von der Seite gewichen ist, noch niemals zuvor einen so langsamen Abstieg erlebt hat. Ständig mussten wir uns Mut machen und haben uns gesagt:“Es ist nicht mehr weit, bald haben wir es geschafft, unten kaufen wir uns eine eiskalte Coca Cola“.

Von der Ferne hörten wir ein: “Hey Guys, you finally did it“ und ich fragte nur: “Haben die ‘ne kalte Coke?“ – „Ja, kostet ‘nen 10er“ – und ich hätte in diesem Moment auch 10 EUR für die Dose bezahlt, doch es waren dann doch nur 10.000 Rupien. Mit dem Pick-Up ging es dann wieder zurück an unseren Ausgangspunkt, und wir wurden wie versprochen von einem Fahrer nach Sengigi gebracht. Wie es dann von dort aus weiter ging, werdet ihr in meinem nächsten Blog erfahren, aber soviel sei schonmal verraten: Ich hatte noch niemals zuvor so krassen Muskelkater wie heute.

Leave a Reply

Your email address will not be published. Required fields are marked *