Auf der Suche nach mir selbst

Bevor es in den Tempel geht, rauchen wir erst noch schnell eine Zigarette. Dann geht es rein in die Tempelanlage und ab zur Information. Dort erfahre ich, dass die Farangs (Thailändisch für „Menschen mit weisser Hautfarbe”) zum Suan Mokkh International Retreat Center müssen. Dieses befindet sich etwa zwei Kilometer vom Tempel entfernt.

Wer suchet, der findet

Gemeinsam mit Marc aus Freiburg, den ich bei der Information kennengelernt habe, gehen wir wieder zurück zur Hauptstrasse. Marc erzählt mir, dass er bei seiner Reise dieses Mal nur Workshops besucht und voll motiviert ist, die zehn Tage durchzuziehen. Er hat sich vor ein paar Monaten von seiner Lebenspartnerin getrennt und ist nun irgendwie hier gelandet. Vor dem Tempel angekommen, stellen wir fest, wie klein die Welt doch ist. Vor dem Tempel steht Petra, die ehemalige Lebenspartnerin von Marc. Bevor wir uns alle auf den Weg zum Tempel machen, wollen wir natürlich noch ein Bier trinken gehen. Auch wenn ich die letzten Monate sowieso kein Bier getrunken habe, schon alleine der Gedanke daran, zehn Tage lang darauf verzichten zu müssen, lässt das Verlangen nach einem kühlen Blonden stark ansteigen. Zu unserem Bedauern finden wir in der gesamten Umgebung kein Geschäft, bei dem wir unser letztes Bier kaufen können. Immerhin habe ich noch eine Schachtel Zigaretten, die ich mit meinen neuen Freunden teilen kann.

Fußmarsch zum Retreat Center

Zu Fuß machen wir uns auf den Weg zum Suan Mokkh International Retreat Center. In netter Gesellschaft sind zwei Kilometer Fußmarsch mit 25kg Gepäck ein Klacks. Beim Suan Mokkh International Retreat Center angekommen, werden wir von freiwilligen Helfern freundlich in Empfang genommen und bekommen ein Zimmer zugewiesen. Gemeinsam mit einigen anderen, die bereits vor uns am Suan Mokkh International Retreat Center angekommen sind, werden wir zu den Unterkünften gebracht. Durch ein großes Tor betreten wir das Gebäude. An der Front, sowie an beiden Seiten befinden sich Einzelzimmer, am hinteren Ende befindet sich der Waschraum. In der Mitte befindet sich eine Grünfläche mit einem großen Baum in der Mitte. An den Ecken sowie an der Hälfte der beiden Seiten befinden sich Wasserstellen zum Wäsche waschen.

Waschraum

Unser Waschraum. Duschen und warmes Wasser sucht man hier vergeblich

Ich wusste zwar bereits, dass ich in meinem Zimmer lediglich ein Holzkopfkissen haben werde, aber dass das Bett eigentlich nur eine betonierte Ebene zwischen den beiden Wänden ist, war mir neu. Ein Raum in dieser Unterkunft dient als Lager. Dort können wir ein Moskitonetz sowie eine Decke für unser Zimmer holen. Das war es auch schon mit Luxus. Fotos habe ich natürlich keine gemacht, denn nach diesem Schock muss ich zu allererst einmal eine Zigarette rauchen. In der Zwischenzeit ist es dunkel geworden. Morgen in der Früh beginnt die offizielle Anmeldeprozedur für den Meditationskurs und deshalb gehe ich schon relativ früh ins Bett. Erstaunlicherweise schlafe ich sehr gut auf dem Holzkissen. Wie das mit den Toiletten im Suan Mokkh International Retreat Center bzw. in Thailand bzw. in ganz Asien funktioniert, werde ich in einem anderen Blog beschreiben. Ich glaube, dass eine detaillierte Erklärung den Rahmen dieses ohnehin schon langen Blogs total sprengen würde.

Schritt 4: Die Anmeldeprozedur in Suan Mokkh überstehen

Also eigentlich ist die Anmeldeprozedur eine Sache von fünf Minuten. Ich habe es allerdings geschafft, die Anmeldeprozedur zeitlich auf fünf Stunden auszudehnen. Normalerweise nimmt man sich ein Anmeldeformular, füllt dieses aus und geht zum persönlichen Interview. Dort muss man erklären, warum man am Meditationskurs teilnehmen möchte. Danach muss man seine gesamten persönlichen Dinge an der Rezeption abgeben, und man bekommt sein Zimmer zugewiesen (wenn man nicht wie ich, schon einen Tag vorher angekommen ist). Wie gesagt normalerweise. Denn tief in mir drinnen wusste ich genau, was mich erwarten wird. Zehn Tage lang absoluter Verzicht auf alles. Zehn Tage lang absolutes Schweigen. Zehn Tage lang kein Internet, kein Strom, keine persönlichen Dinge, kein Luxus, keine Freundin und zehn Tage lang kein Kontakt zur Aussenwelt. Zehn Tage lang nur Reis essen, keine Zigaretten, keine Coca Cola, kein Bier und kein Fleisch. Zehn Tage lang leben wie ein Mönch. Zehn Tage lang leben in und mit der Natur. Zehn Tage lang den selben Tagesablauf folgen. Zehn Tage lang um 4.00 Uhr morgens aufstehen und um 21.30 Uhr ins Bett gehen. Zehn Tage lang 100% Konzentration auf Ein- und Ausatmen.

Warten auf ein Zeichen

Also diskutiere ich zuerst Stunden lang mit Beatrice und suche einen Grund, warum ich das Ganze in letzter Sekunde abbrechen kann. Ich bin mir bewusst, dass ich durch die Wahl meiner Worte so argumentieren kann, wie mir das gerade am Besten gefällt. Ich versuche Beatrice die Worte im Mund umzudrehen, um hier weg zu kommen, obwohl ich die gesamten Strapazen auf mich genommen haben, hier her zu kommen. Ich habe Angst davor, was ich beim persönlichen Interview erzählen soll. Ich habe Angst davor, die zehn Tage nicht durchzustehen und zu versagen. Alles was ich in diesem Moment weiss, ist die Tatsache, dass mir gesagt wurde: „Wenn Du Dich für einen Chore (Aufgabe/Job während des Aufenthalts) anmeldest, wähle den Chore zum Reinigen der Hotsprings. Wenn du zehn Stunden am Tag meditierst, wirst Du froh sein, Deine Muskeln im heissen Wasser entspannen zu können.“

Hotsprings

Der chilligste Job! Blätter in den Hotsprings einsammeln.

Egal wie lange ich mit Beatrice diskutiert habe. Die Zeit verging und die Stunden liefen an uns vorbei. Toiletten putzen: Vergeben. Essensaal reinigen: Vergeben. Laub fegen: Vergeben. Fünf Stunden später waren so gut wie alle Chores vergeben. Und alle paar Minuten kam ein neuer Teilnehmer aus dem Nichts und hat sich in die Liste eingetragen. Am Ende war nach fünf Stunden Diskussion das Vorhandensein des Chores ein Zeichen für mich, das Anmeldeformular zu nehmen und zu sagen, warum ich hier im Suan Mokkh International Retreat Center bin. Ich bin auf der Suche nach mir selbst. Ich will aufhören zu rauchen und ich will nicht mehr in Tränen ausbrechen, wenn ich an meinen Vater denke.

Anmeldeprozedur

Schritt 4: Die Anmeldeprozedur in Suan Mokkh überstehen

The way the System functions

Ich fülle das Formular aus und gehe zum Interview. Der Mönch, der mir beim Interview gegenüber sitzt, hört mir aufmerksam zu. Dann erzählt er mir etwas darüber, dass ich auf mein Herz hören soll. Er erzählt mir etwas von einem System und das alles zusammenhängt. So wie unser Herz schlägt, so fühlen wir uns. Schlägt es schnell, so sind wir aufgeregt oder in Rage. Schlägt das Herz langsam, so sind wir ruhig und entspannt. Unser Herz weiss ganz genau, was es zu tun hat. Und egal, ob es schnell oder langsam schlägt, zwischen jedem Herzschlag macht das Herz eine Pause. Das Herz gönnt sich instinktiv eine Pause nach jedem Herzschlag, um das System Mensch am Leben zu erhalten.

Äh ja – klingt doch logisch oder? Nachdem ich jetzt überhaupt nicht mehr weiss, was los ist, gebe ich meine gesamten Besitztümer zusammen mit dem Anmeldeformular im Verwaltungsbüro ab. Um 16.00 Uhr gibt es eine Führung über das Gelände. Um 18.30 Uhr bekommen wir die letzten Informationen zu unserem Aufenthalt. Nachdem keiner der Teilnehmer eine Frage hat, beginnen wir um 19.00 Uhr noch am selben Tag mit dem Schweigen.

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