Durch Meditation zum Nichtraucher werden

Schon abgefahren wie ruhig es hier auf einmal ist. Ich verzichte sogar darauf, meine elektrische Zahnbürste zu benutzen. Also nicht die Zahnbürste im Allgemeinen, sondern ich schalte sie nicht ein – zu laut. Und selbst wenn ich sie einschalten würde, aufladen kann ich sie sowieso nicht. Es gibt keinen Strom und wir sollten im Idealfall nur noch unsere Kleidung und Hygieneartikel auf dem Zimmer haben. Ich für meinen Teil ziehe das voll durch. Kein Stift, kein Papier, keine Bücher, kein iPhone, kein Getränkesirup, keine Snacks und vor allem keine Zigaretten. Ich werde durch Meditation zum Nichtraucher werden!

Wenn ich schreibe, dass wir keinen Strom haben, dann ist das nicht 100% richtig. Denn abends von 18:00 Uhr bis 21:30 Uhr und morgens von 4:00 Uhr bis 4:30 Uhr haben wir Licht in unseren Unterkünften. Darüber hinaus hat jeder Teilnehmer eine Laterne und ein paar Kerzen auf seinem Zimmer. Insgesamt gibt es vier Unterkünfte, zwei für Frauen und zwei für Männer. Am ersten Tag sind wir in etwa 150 Teilnehmer, wovon ziemlich genau die Hälfte davon Männer sind. Bis auf die nervige Musik, die in den Abendstunden irgendwo aus Dutzenden Kilometer Entfernung zu hören ist, höre ich nur Geckos, Eulen und Zikaden. Nachdem ich mein Zimmer nach Skorpionen, Tausendfüßlern und Schlangen abgesucht habe, lege ich mich unter mein Moskitonetz. Während sich mein Kopf langsam in Richtung Holzkopfkissen bewegt, denke ich Juhu – seit fünf Stunden keine Zigarette mehr geraucht. Nachdem mein Kopf das Holzkopfkissen berührt, schlafe ich ein.

Darüber, dass man am nächsten Tag um 4:00 Uhr aufstehen muss, braucht man sich keine Gedanken machen. Jedes Mal, wenn man die Beschäftigung wechselt, ertönt eine Glocke. Das kann man unmöglich überhören. Von jetzt an wird das, was ich gerade mache, die nächsten zehn Tage lang, am folgenden Tag wieder genauso gemacht. Ich stehe auf und hänge mein Moskitonetz nach oben. Ich gehe auf die Toilette und wasche mich kurz. Ab dem ersten Glockenschlag haben wir 30 Minuten, um auf unseren Plätzen zu sitzen. Meine Zähne putze ich nicht, da ich nichts gegessen habe und sowieso mit niemanden reden darf.

Die große Glocke

Die große Glocke kann man nicht überhören

Pünktlich um 4:30 Uhr sitzt jeder der 150 Teilnehmer auf einem Kissen, Schemel oder Deckchen in der Meditationshalle. Ganz vorne in der Meditationshalle befindet sich ein Podest, auf dem jeden morgen ein anderer Teilnehmer eine Morgenlesung hält. Die Morgenlesung dauert 15 Minuten.

Danach wird drei Mal ein kleines Glöckchen geläutet und um 4:45 Uhr beginnt dann die Sitzmediation. Nach endlosen 30 Minuten wird das kleine Glöckchen wieder drei Mal geläutet. Mir tun jetzt schon alle Knochen weh und weil das noch nicht reicht, müssen wir jetzt zum Morgensport.

Getrennt von den Frauen gehen wir um 5:15 Uhr zu einer weiteren Halle, in der wir 50 Minuten Yoga und im Anschluss 50 Minuten Thai Chi machen. In den nächsten zehn Tagen möchte uns unser Lehrer 16 Thai Chi Schritte beibringen, aber momentan muss ich aufpassen, dass ich nicht über meine eigenen Beine stolpere. Wir wiederholen die Bewegungsabläufe wieder und wieder.

Um exakt 7:00 Uhr ertönt die Glocke erneut. Wir treffen uns alle wieder in der Meditationshalle. Dieses Mal sitzt auf dem Podest ein Mönch. Fast eine Stunde lang hält er einen Monolog über Suan Mokkh, Meditation und Happyness (dem Streben nach Glück).

Um 8:00 Uhr werden für die nächsten zwei Stunden die Schlafräume wieder aufgesperrt und es gibt endlich Frühstück. Reissuppe, mir größtenteils unbekanntes Grünzeug und recht hässliche Bananen. Nachdem man die Schale entfernt hat, waren die Bananen allerdings sehr gut. Es sind nun mal die inneren Werte, die zählen. Nachdem ich mein Geschirr abgespült habe, begebe ich mich zu den Hot Springs und beginne meiner täglichen Aufgabe nachzukommen. Ich fische die Blätter aus der heissen Quelle und schrubbe die Treppe zum Becken. Nachdem ich sowieso schon fast 20 Minuten im heissen Becken herumgehe und schrubbe, halte ich es, nachdem ich meine Aufgabe erledigt habe, nicht mehr länger in den Hot Springs aus. Gleichzeitig fühlen sich meine Knochen und Muskeln wieder etwas entspannter. Solange die Schlafräume aufgesperrt sind, gibt es keine offiziellen Termine. Was man in dieser Zeit macht, bleibt einem selbst überlassen. Für mich heisst das, den Fensterladen meines Zimmers aufmachen, duschen, Zähne putzen, Wäsche waschen und Nickerchen machen bis die Glocke wieder ertönt.

Um 10:00 Uhr versammeln sich alle Teilnehmer wieder in der Meditationshalle. Dieses Mal sitzt mein Yoga Lehrer auf dem Podest und nach einer kurzen Einleitung seinerseits, beginnen wir einer CD zu lauschen. Ein ehemaliger Teilnehmer aus Suan Mokkh, der in der Zwischenzeit Mönch ist und in den USA ebenfalls ein Kloster wie Suan Mokkh leitet, erzählt auf dieser CD über den Buddhismus und vieles mehr. Die CD wurde aber wahrscheinlich in einem Hühnerstall aufgenommen. Die Tonqualität ist furchtbar schlecht und im Hintergrund gackern ständig Hühner und es krähen Hähne. Egal, denke ich mir. Versuch dich auf die Stimme zu konzentrieren.

Nachdem der erste Teil der CD zu Ende war, gab es eine kurze Beschreibung dessen, was uns als Nächstes erwarten wird. Von 11:00 Uhr bis 11:45 Uhr werden wir im Gehen meditieren. Einatmen, Fuß anheben, nach vorne bewegen, ausatmen während man den Fuß wieder ablegt und sich nach vorne bewegt. Dann wieder einatmen, Fuß anheben, nach vorne bewegen, ausatmen während man den Fuß wieder ablegt und sich nach vorne bewegt. Das Ganze gibt es in der Drei- und Fünftschritt Variante.

Der Glockenschlag um 11:45 Uhr reisst mich aus meiner Schrittfolge und wir müssen wieder alle in die Meditationshalle gehen. Die nächsten 45 Minuten sitzen wir im Schneidersitz wie eine Pyramide und atmen ein und atmen aus. Wir versuchen zu spüren, wie die Luft in unseren Körper strömt, und wie sie nach einer kurzen Pause wieder ausströmt. Wir suchen die Stelle an unserer Nase, an der wir den Luftstrom spüren. Wir atmen ein und atmen aus und nach 20 oder 30 Minuten sind meine Beine eingeschlafen, ich muss mich eher darauf konzentrieren gerade zu sitzen, als das ich irgendwelche Luftströme spüre. Mein Rücken tut weh und ich stehe auf. Ich schaue mich um und bin ein wenig erleichtert, dass ich nicht der Einzige bin, der mittlerweile aufgestanden ist. Ich atme tief ein und atme tief aus, und nach ein paar Minuten setze ich mich wieder in den Schneidersitz, und bin endlos glücklich, nachdem ich das kleine Glöckchen wieder drei Mal klingeln höre.

Zwischen 12:30 Uhr und 14:30 Uhr sind die Schlafräume wieder geöffnet und es gibt Mittagessen. Es gibt Reis und zwei verschiedene vegetarische Gerichte zur Auswahl sowie das mir mittlerweile vom Frühstück bekannte Grünzeug. Daneben steht noch ein Schild mit der Aufschrift: Only a few each, welches für die Schale mit in Scheiben geschnittenen Wassermelonen aufgestellt wurde. Ups, jetzt habe ich zu weit vor gegriffen, denn am ersten Tag habe ich nur das Schild gesehen und mich gefragt, was wohl in der Schale gewesen sein mag. Meine Freizeitgestaltung in der Mittagshitze beschränkt sich auf Abspülen, Zähne putzen und Nickerchen machen.

Gefiltertes Regenwasser

Zu trinken gibt es gefiltertes Regenwasser zum selber Zapfen

Der Glockenschlag um 14:30 Uhr reisst mich aus meinen Träumen. Die nächste Stunde werden wir uns in der Meditationshalle den nächsten Teil der CD anhören. Davor gibt es wieder eine kleine Geschichte von unserem Yoga Lehrer, der vorne im Schneidersitz auf dem Podest sitzt. Die CD dauert nicht ganz eine Stunde, also meditieren wir bis das kleine Glöckchen wieder drei Mal erklingt.

Um 15:30 Uhr verteilen sich die Teilnehmer wieder an ihre Lieblingsorte für die Meditation im Gehen. Exakt eine Stunde dauert es, bis die Schläge der großen Glocke über das gesamte Gelände erklingen. Wir machen uns alle wieder auf zur Meditationshalle und nehmen unsere Plätze ein.

Es ist 16:15 Uhr und das heisst, dass wir erneut im Schneidersitz meditieren. Auf dem Podest vor uns sitzt ein freiwilliger Helfer, der uns verschiedene Sitzmöglichkeiten erklärt und zeigt. Die nächsten 45 Minuten spüren wir wieder wie die Luft in unseren Körper strömt, und wie sie nach einer kurzen Pause wieder ausströmt. Wieder schlafen meine Beine ein aber eigentlich tut mir die Schulter weh. Als das kleine Glöckchen wieder drei Mal ertönt, sitze ich mit geschlossenen Augen im Schneidersitz am Boden und versuche meinen Rücken gerade zu halten.

Die nächste Stunde von 17:00 Uhr bis 18:00 Uhr ist die beste Zeit des ganzen Tages gewesen und nannte sich Chanting. Nachdem dort buddhistische Gesänge angestimmt werden, ist das Chanting keine Pflichtveranstaltung. Ich für meinen Teil habe zwar an der Veranstaltung teilgenommen, habe aber nicht mitgesungen. Stattdessen habe ich nur den Worten der Mönche zwischen den Gesängen gelauscht. Weise Worte, schlaue Worte und Worte zum Nachdenken, aber vor allem witzige Worte. Man habe ich mich köstlich amüsiert dabei. Nach einer halben Stunden wurde aufgehört zu singen. Dann kam ein weiterer, junger Mönch. An seinem Akzent höre ich, dass er aus Russland kommt, und seine Geschichten und wie er sie erzählt, ist das Highlight des Tages. Schon alleine wie er uns begrüßt. Good afternoon, good friends. Sehr sympathisch. Die letzten Minuten setzen wir uns wieder in den Schneidersitz und gehen in uns. Wir spüren die Liebe und senden die Liebe in uns an unsere Nachbarn, verteilen sie auf ganz Suan Mokkh, auf Surat Thani, auf Thailand, auf Asien, auf die Welt, auf das ganze Universum. Mitten drin, als wir gerade all unsere Liebe im gesamten Universum verteilen, ertönt der Schlag der großen Glocke.

Beste Zeit des Tages

Hier verbringen wir die beste Zeit des Tages

18:00 Uhr war gleich darin, wenn nicht sogar ebenbürtig, wenn es darum geht, die beste Zeit des ganzen Tages gewesen zu sein. Denn um 18:00 Uhr werden die Schlafräume wieder aufgesperrt und es gibt heissen Kakao. Ich wusste gar nicht, dass man 20 Minuten an einer einer warmen Tasse Kakao schlürfen kann. Danach heisst es wieder Abspülen, Zähne putzen, meinen Fensterladen schließen und ein Nickerchen machen.

Exakt um 19:30 Uhr reissen mich die Schläge der Glocke wieder aus dem Schlaf. Ich ziehe mir lange Kleidung an, trage Anti-Moskito-Zeug auf und gehe zur Meditationshalle. Yippie wieder 30 Minuten lang im Schneidersitz meditieren. Kurz bevor ich meine eingeschlafenen Füße ausstrecken möchte, höre ich, wie das kleine Glöckchen drei Mal ertönt. Ich bin verwundert, dass ich so lange ruhig sitzen konnte. Draussen vor der Meditationshalle hat sich in der Zwischenzeit eine Menschenkette gebildet.

Ich reihe mich in die Kette ein, und um 20:00 Uhr gehen Männer und Frauen getrennt voneinander meditierend um zwei der Seen, die sich auf dem Gelände von Suan Mokkh befinden. Jeweils vorne geht ein freiwilliger Helfer und gibt das Tempo vor. Nur an den Ecken des Sees sind große Kerzen aufgestellt. Der Mond leuchtet uns den Weg und beim Anblick des Sternenhimmels bin ich ein wenig traurig darüber, dass ich diesen romantischen Augenblick nicht Händchen haltend mit Beatrice verbringe.

Einmal um den See

Einmal um den See und nicht mehr als 1m Abstand zum Vordermann

Eine halbe Stunde brauchen wir ein Mal um den gesamten See. Um 20:30 Uhr setzen wir uns ein letztes Mal im Schneidersitz auf den Boden der Meditationshalle. Ich halte es einfach nicht mehr aus. Ich konzentriere mich immer mehr darauf, dass die Person auf dem Podest endlich das kleine Glöckchen drei Mal läutet.

Um 21:00 Uhr ist es endlich soweit. Die nächste halbe Stunde sind die Schlafräume wieder aufgesperrt. Die nächste halbe Stunde haben wir noch elektrisches Licht. Für mich bedeutet das, auf die Toilette gehen und mich kurz zu waschen. Ich sehe nach, ob unter meinem Bett eine Schlange ist, und schüttle meine Decke aus. Kein Skorpion oder Tausendfüßler zu sehen. Ich richte mein Moskitonetz wieder hin. Ich poliere kurz mein Holzkopfkissen, nachdem ich merke, dass ich es nicht ausschütteln muss. Ich lege mich auf meinen Rücken, schließe die Augen und frage mich: Was mache ich hier eigentlich? Dann fällt mir auf, dass ich den ganzen Tag nicht einmal das Bedürfnis danach hatte, eine Zigarette zu rauchen. Ich werde doch nicht etwa durch Meditation zum Nichtraucher werden?

Fünf Minuten vor 21:30 Uhr gehen die Lichter drei Mal kurz aus und wieder an. Fünf Minuten später gehen die Lichter für diesen Tag endgültig aus und die Schlafräume werden abgesperrt. Das alles bekomme ich aber gar nicht mit, denn ich befinde mich schon längst im Schlummerland.

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